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Ambiguitätstoleranz klingt nach fernöstlicher Kampfkunsttechnik, bezeichnet aber den Umgang mit Widersprüchen zwischen Anspruch und Handeln. Oder zwischen Überzeugungen und Weltgeschehen. Diese Fähigkeit hilft uns, in eben solchen Situationen nicht wie ein kopfloser Idiot zu agieren. Sondern gezielte Strategien für das Überwinden zu identifizieren und anzuwenden. Oder im Zweifel auch mal die Parade der Absurdität an sich vorbeiziehen zu lassen, ohne gleich korrigierend in Aktion zu gehen.

Meine Beobachtung ist, dass wir diese wichtige Fähigkeit entweder gar nicht mehr anwenden (weil uns das kritische Denken zu mühsam scheint) oder die Bewältigungsstrategie in ihrer Planung abgekürzt wird (“Machen eh alle, ich kann eh nichts dagegen tun”, etc.). Das führt dann zu Blüten wie der Verdammung von Ressourcenverschwendung bei gleichzeitig inbrünstiger AI-Nutzung oder das Beklagen von Herausforderungen gesellschaftlicher Art und das sich daran anschließende Wählen von Kräften, die gar keine Lösung für irgendetwas wissen.

Wir werden es nie schaffen, widerspruchslos leben zu können. Es gilt immer wieder Bündnisse zu schmieden, Kompromisse zu finden und Aufgaben mit konträren Zielsetzungen zu bewältigen. Am Ende zählen aber das größere Ziel und die Fähigkeit, die vorhandene Situation zu antizipieren und den geeigneten Weg zur Lösung zu identifizieren. Dabei sollte man sich aber immer im Rahmen dessen bewegen, was man persönlich vertreten kann. Und im Zweifel kann das auch bedeuten, dass man etwas ablehnt. Oder nicht als richtige Person für die Spreizung zwischen Ideal und Tatsache sieht.

Freier Wille und persönliche Freiheit sind keine Persilscheine für eine allumfassende Denkverweigerung. Sie sind Ansporn und Verpflichtung, uns bewusst mit den Widersprüchen des Lebens auseinander zu setzen und Abwägungen zu treffen. Und wenn wir in einer Angelegenheit zur abschließenden Überzeugung gelangten, diese dann auch mit der notwendigen Konsequenz zu verteidigen. Vor Anderen, aber auch vor uns selbst. Denn Persönlichkeit reift auch daran, wie man mit diesen Reibungen umgeht.

Inzwischen bin ich Anfang Vierzig und das Fenster für berufliche Veränderungen verengt sich natürlich. Realistisch betrachtet muss ich den sich stetig wandelnden Nachfragemarkt immer wieder neu antizipieren, um meine Expertise-Relevanz zu belegen. Durch meine derzeitige Position bin ich in unterschiedliche Projekte involviert und dadurch ergeben sich beständig neue Konstellationen. Genau so gibt es aber auch Elemente, die sich unabhängig von Kunden und fachlichen Inhalten nicht verändern. Und daraus ergibt sich manchmal das Gefühl, dass da doch mehr sein müsste.

Gerade bin ich Teil eines Projekts, in dem sich das “Mehr” organisch entwickelt hat. Neue Aufgaben, neue Ufer. Mit viel Rückenwind von allen Beteiligten und einem ersten substanziellen Erfolgserlebnis. Gefühlt weit weg von dem, was ich die letzten Jahre machte. Aber auch sehr nah, weil es mich zum Ursprung meiner beruflichen Karriere zurück führt. Und mich als Brücke zwischen dieser Vergangenheit und der Gegenwart dienen lässt. Dieser Prozess ist sehr spannend, belebt meine Ambitionen neu und bringt zudem eine neue Dimension auf die Frage: “Was will ich denn eigentlich noch machen?”.

Denn eines ist klar: Irgendwann wird meine Glaubwürdigkeit sich verändern. Weil ich älter werde. Die Transformation in andere Rollen oder fachliche Ausrichtungen kann helfen, dieses gefühlte Manko auszugleichen. Vor allem, weil ich diese Veränderung Anfang des Jahres nicht erwartet hatte. Aber diese Chance ist jetzt da. Und ich habe große Lust herauszufinden, ob ich darin eine Antwort auf meine Frage finde.

Ende Juni, sämtliche bisherigen Temperaturrekorde werden in den Schatten gestellt (vermutlich geht es ihnen dort besser als uns) und die richtigen Sommermonate Juli und August liegen noch vor uns. Das ist keine Utopie, das passiert gerade. Parallel erzählt mir ein Geschäftskontakt aus Istanbul, dass es bei ihr gerade kühler sei als sonst üblich zu dieser Zeit. Klimatische Verschiebungen passieren mit einer Beiläufigkeit, als ginge uns das alles nicht an. Als hätten sie keinen Einfluss auf uns und unsere Umwelt.

Früher war es ja auch schon heiß, nicht wahr? Aber so heiß, dass überall Straßendecken platzen, Gleise sich biegen und der Großteil der Kommunen zur sparsamen Wassernutzung rät? Vermutlich nicht. Diese Woche hat eindrücklich bezeugt: Wir sind nicht für die Folgen unseres Verhaltens bereit. Unser Egoismus hat Konsequenzen und die bekommen wir mit derartiger Macht zu spüren, dass wir uns tagelang wie geprügelte Hunde fühlen, nachts kaum ein Auge zubekommen und am nächsten Tag um halb elf bei der Arbeit nicht mehr richtig denken können. Ist scheiße, oder?

Ja, aber das haben wir zu verantworten. Und weil wir den Hals nicht vollbekommen, wird es so weitergehen. Um daran was zu ändern, müssten wir unser Verhalten kollektiv anpassen. Aber das ist ach so unbequem. Und haben wir nicht diese Freiheit, die uns alles zu tun erlaubt? Wo kämen wir denn hin, wenn wir freiwillig auf etwas verzichten würden? Ich sage es euch: In eine Zukunft, in der man gut leben kann. Ohne zusehen zu müssen, wie in den Krankenhäusern und Pflegeheimen Menschen wegen mangelnder Kühlung sterben. In der Schüler:innen vernünftig lernen können, ohne dass ihr Hirn zur ersten großen Pause einem Eintopf gleicht. In der wir Innenstädte so gestalten, dass Mensch und Tier sich dort aufhalten können, ohne gleich in Lebensgefahr zu geraten.

Wir hätten sie in der Hand, die Löschdecke für unsere Zukunft. Wir müssten sie nur benutzen. Damit es nicht mehr brennt.

Worauf warten wir eigentlich?

Unser IRC-Server ist mittlerweile berüchtigt dafür, dass er seine Nutzer in immer tiefere Kaninchenbauten verbringt. Momentan heißt das Erdloch de joure CachyOS. Und das bereitet so viel Freude, dass Hemlock gerade nicht mehr mein Lieblingsrechner ist.

Für den Umstieg musste ich nur ein vergleichsweise kleines Opfer bringen. Aus dem MintPad wurde Samson, damit ist auch das X1 Carbon endlich in den Sesamstraßen-Kanon umgezogen. Da Samson nur 8 GB RAM vorzuweisen hat, war ich unsicher, wie sich denn die Nutzung von hyprland vertragen würde. Meine Sorge war unberechtigt - es geht nämlich verdammt gut. Im “Auslieferungszustand” lag das Setup bei lediglich einem GB genutztem RAM. Mit etwas Recherche verstand ich dann auch, wie ich die .conf zu nutzen hatte. Dass seit Kurzem .lua der neue Standard ist und ich die Konfiguration noch wandeln muss - geschenkt. Man kann ja nicht alles auf einen Schlag erledigen.

Was etwas nervig war, waren die Bindings für die Funktionstasten. Mit wev erst prüfen, ob alle Tasten auch erkannt werden und dann die XF86-Funktionen zuordnen. Da ich in der Zwischenzeit Noctalia (auf Empfehlung vom cgx13) aufs Gerät brachte, war das Ganze dann mit einer bereits zusätzlich belegten Taste einfacher zu lösen. Aktuell liege ich allerdings noch bei sieben von zwölf Tasten. Naja. Was mich aber sehr fasziniert: Es ist wirklich meine Umgebung. Ich definiere den Zustand und was möglich ist. Ja, es ist ein Rabbit Hole. Aber es ist unfassbar schnell zu erlernen und wenn man die Basics verstanden hat, ist viel möglich.

Vorgestern Abend saß ich auf der Terrasse und habe vor mich hinkonfiguriert. Ohne Druck und mit quasi null Fallhöhe, weil ich sonst einfach wieder neu installiert hätte. Die .conf hatte ich mir im vorherigen Zustand gesichert. Diese Gewissheit hat mir den ganzen Druck weggenommen und ich fühlte etwas von der unbeschwerten Leichtigkeit, die ich früher bei Computern verspürte. Als diese für mich noch keine Arbeitsgeräte, sondern eher Versuchsanordnungen waren. Wie weit kann ich etwas biegen, wie genau muss ich das Verhalten auf meine Änderungen verstehen? Ich glaube, mir gibt das gerade sehr viel verlorene Freude zurück. Und das macht für mich die Veränderung am Meisten aus.

Danke auch an mthie®️ und Jan, die ziemliche Booster für das Thema sind.

20.05.2026

Und wieder ist ein Lebensjahr um. Immer rasanter, der Zahn der Zeit beißt sich langsam ins Fleisch. Heute war aber ein guter Tag, das Wetter hielt entgegen der Prognosen eine sehr sonnige Periode bereit. Die Liebste und ich waren im hiesigen Museum und zum Abschluss gab es noch Kaffee auf die Kralle. Dazu als Geschenk ein von meiner Liebsten gemaltes Bild der Orkney-Fähre vor Egilsay. Wieder etwas für die Tränendrüse, mit zunehmenden Alter ist eine Sehnsucht nach diesem Ort entstanden.

Und mit einer Flasche Grauburgunder schalten wir nun um ins Abendprogramm. Könnte schlimmer, nein?

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