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Pro Nihilismus →

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Onkel Roger

Roger war das mittlere von fünf Kindern, 1938 geboren. Seine Kindheit war durch bittere Armut geprägt, auf einer kargen schottischen Insel. Diese teilte er mit drei Brüdern und einer Schwester. Nach der Schule schlug er sich durch, erst als Hilfsarbeiter auf einer Farm bei der Versorgung der Tiere und Bestellung der Felder. Dann rief ihn die Armee, er sah neben der englischen Insel auch auch den mittleren und fernen Osten. In Singapur erreichte ihn 1969 die Information, dass seine Dienste nicht länger benötigt wären.

Danach ging er nach Australien, wo er 25 Jahre lebte und arbeitete. Seine Ehe, die er erst im Alter von fünfzig Jahren einging, endete 1997 nach neun Jahren kinderlos. Ein Jahr versuchte er, wieder in Schottland Fuß zu fassen. Doch die Sehnsucht nach Australien blieb, er kehrte zurück und ließ sich in der Gegend von Melbourne nieder. Dort starb Roger 2021, nach einem wie er sagte sehr gutem Leben.

Ich habe Roger nie kennen gelernt, von ihm habe ich erst durch eine Nachlasskanzlei erfahren. Diese war auf der Suche nach Nachfahren und fand meine Geschwister und mich nach längerer Suche. Auch geschuldet durch dem Umstand, dass die Schreibweisen des Nachnamens sich bei ihm und uns unterschieden. Ich wusste zwar, dass mein Vater Geschwister hatte, aber er wurde nie präziser. Vielleicht litt er darunter, dass die Familie durch die Armut bedingt auseinander riss und jedes Familienmitglied seine eigenen Wege gehen musste. Die beschriebenen Details kenne ich also nicht aus persönlicher Erzählung, sondern jemand hat sich in der Seniorenresidenz damals Zeit genommen und Roger nach seinem Leben befragt. Für diese Mühen bin ich sehr dankbar, weil sie einige Fragen zumindest in groben Zügen klären.

Die australischen Mühlen mahlen noch langsamer als die hiesigen, deswegen ist erst jetzt, vier Jahre nach seinem Tod, der letzte Nachlass auf dem Weg zu uns. Ein Karton mit Kleinigkeiten, nichts von Wert. Die letzten nicht verkaufbaren Habseligkeiten, letzte Spuren eines erloschenen Lebens. Wir wissen, dass alte Dokumente dabei sein werden. Ausweise mit natürlich den obligatorischen Passfotos. Wird Roger ähnlich ausgesehen haben wie unser Vater? Gibt es vielleicht doch noch versteckte Hinweise, die uns ein Detail verraten? Mich beschäftigt das Ganze sehr, das Paket ist bis jetzt schon eine Woche unterwegs und kam heute früh anscheinend in Frankfurt an.

Natürlich wird es Roger nicht zurück bringen und schon gar nicht uns den Menschen näher bringen. Aber in seinem Tod hat Roger uns ein kleines Stück Wissen vermacht, dafür sind wir sehr dankbar.

Mögest du in Frieden ruhen.


#TWTWTW KW 35/25

Der Versuch einer Reflektion der Kalenderwoche 35/2025

Diese Woche ist der Kunst und Kultur gewidmet gewesen, besonders der Freitag. Durch den Beitrag von Daniel wurde ich daran erinnert, dass die Mitgliedschaft in einer Stadtbücherei a) unverschämt günstig und b) mit den Segnungen einer Online-Ausleihe versehen ist. Im Falle unserer Stadt ist die Anmeldung sogar online möglich, laut Formular dauert der Vorgang bis zu fünf Werktage. Also schloss ich um 11:27 das Formular ab und verbuchte Folgeschritte auf kommende Woche. Um 15:08 erreichte mich aber eine Mail, dass der Vorgang bearbeitet sei und ich im Dienstleistungsportal weitere Informationen erhalte. Tatsächlich war schon alles erledigt und gleichzeitig erhielt ich den Zugang zur sogenannten Onleihe. Ich war begeistert, suchte mir dann London: Die Biographie von Peter Ackroyd aus und habe direkt 120 Seiten gelesen.

Das alles für 18 Euro pro Jahr. Das sind monatlich 1,50 - wie gut ist das bitte? Nachdem ich durch die Literatur beseelt war, schaute ich am selben Abend noch in der arte-Mediathek Schostakowitsch - Symphonie in Rot und Erik Satie, ein Komponist außerhalb der Zeit. Beide Dokumentationen führen durch das Leben der Protagonisten, in ihren Widersprüchen, Kämpfen und ihrem Schaffen. So unterschiedlich die Biografien auch gewesen sind, so gleich sind sie auch im Ringen mit den äußeren Faktoren. Schostakowitsch, der mit einem ihn bedrohenden System umgehen musste. Satie als Einzelgänger, den der Alkohol zugrunde richtete. Auf jeden Fall beides sehr sehenswert.

Eine Diskussion über Plakatstandorte in der Partei nervte mich so hart, dass ich eine Lösung schaffen wollte. So ersann ich einen Plakatfinder, der Plakatstandorte speichert, das Abhängedatum kennt und daraus eine Historie abbildet. Alles gespeichert in einem simplen Backend, eine schnöde Liste. In der Betatestung gab es hilfreiche Hinweise, die ich gleich verarbeiten konnte. So fühlt es sich also an, Feedback auf etwas Programmiertes zu bekommen. Der Betatest läuft noch und ich hoffe, dass damit Diskussionen und operative Umsetzungen deutlich effektiver werden.

Gekocht wird nachher auch, es gibt eine vegane Bolognese. Das Hack ist bereits fertig gekauft, auf Erbsenbasis. Bei der Rezeptsuche habe ich gelernt, dass Bolognese ohne Sellerie unddenkbar sei. Mein Bedarf an Sellerie ist sehr gering - ich möchte das Rezept aber unbedingt wie gedacht befolgen. Und so wartet eine Knolle auf ihren Einsatz. Bei all dem neu entdeckten Eifer frage ich mich, ob ich jetzt in die Lebensphase des Genusses eingetreten bin. Zeit als Währung für eine erquickliche Erfahrung. Sei es kulinarisch oder kulturell, technisch wie auch analog. Mir behagt der Gedanke, Dinge bewusst zu erleben und zu gestalten. Die Zeitspanne, die wir Leben nennen, mit kleinen Werten zu füllen - ich bin sehr dankbar für diese Entwicklung frei von Zwängen, begründet in einer natürlichen Veränderung.

Kommt gut in die neue Woche!


Am 26.08.2022 begann die Reise von Loggbok, auf Basis von Jekyll und gehostet bei GitHub. Seitdem ist viel passiert. Mit diesem Blog, aber auch bei mir. Und dank Loggbok kann ich anders reflektieren als früher. Jeder Post ist eine kleine Wegmarke der letzten fast 1.100 Tage, Auseinandersetzung mit mir und meinen Erlebnissen. Loggbok ist Teil von mir, mein Hafen in der digitalen Welt. Hier bin ich Kapitän, Maschinist, Matrose und manchmal auch Deckjunge. Und vielleicht erfüllt sich nach diesem Reifeprozess der Name des Blogs - denn ich begreife immer mehr die Freiheit, die sich mir bietet.

Vielen Dank an euch, die ihr hier vorbeischaut und lest, mir bedeutet jeder Kommentar per Mail und jede Reaktion im Fediverse viel.

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Egilsay

Der Wind peitscht schwer über die Nordsee, die Luft schmeckt nach Salz. Ich stehe allein am Fährhafen, bei diesem Wetter will niemand raus und schon gar nicht auf diese gottverlassene Insel. Wer im Haus bleiben kann, wärmt sich lieber die Knochen. Aber ich habe eine Mission. Antworten auf Fragen suchen, die mir niemand beantworten kann. Die auch ich als ewige Rätsel in meinem Leben akzeptieren muss. Wo gehöre ich wirklich hin?

Die Fähre legt an, es ist eine wirklich lächerliche Nussschale in der wilden See und ich begreife sofort, dass die Überfahrt kein Spaziergang sein wird. Das Boarding geht schnell und relativ wortlos, wir legen sofort ab. In meinem Kopf spielen tausend Fragen verrückt und gleichzeitig denke ich nichts. Die Dualität der Konfusion. Wir schwanken durch die Böen. Was zum Teufel mache ich hier, 4.000 Kilometer von dem Ort, den ich Zuhause nenne? Werde ich das finden, was ich suche?

Nach einer gefühlten Ewigkeit legen wir an, der Hafen liegt im Westen. Ich habe nur wenige Stunden Zeit, auf der Insel kann man nicht übernachten. Ich winke dem Fährpersonal stumm und marschiere gleich los. Wochenlang habe ich die Karte studiert, wozu eigentlich? Hier leben um die zwanzig Menschen. Es gibt eine Straße nach Norden, eine nach Süden und einen Weg nach Osten. Gefühlt kann ich die ganze Insel bis zur Rückfahrt umrunden. Zielstrebig laufe ich los, ohne wirkliches Ziel. Bin ich hier überhaupt richtig?

An der Ruine von St Magnus vorbei, ein Auto fährt im Schritttempo an mir vorbei. Touristen sieht man hier nur sehr selten. Vereinzelte Häuser, viele Felder, ein paar Nutztiere und jede Menge Vögel. Fernab von jeglichem Klischee über Schottland. Das ist hier das pure raue Leben, für diesen Zustand musst du geboren sein. Wo mag er damals gelebt haben, wo wird mein Vater als Kind mit Altersgenossen gespielt haben? Irrwitzige Fragen, ich kann nur mutmaßen. Was suche ich eigentlich?

In der alten Schule gibt es gegen Spende Tee und die Möglichkeit, sich über Vergangenes zu informieren. Ich blättere hektisch, suche nach Indizien. Dabei finde ich nur Vages, der Tee ist eher miserabel. Ich habe natürlich nichts gefunden, aber auch nichts gesucht. Aber ich war da. Da, wo meine Wurzeln liegen. Es wird Zeit zu gehen, die Fähre wartet. Dann verläuft der Film. Wird es wirklich so sein, wenn ich jemals dorthin fahre? Werde ich das Gefühl haben, dort wirklich angekommen zu sein? Und was ist, wenn nein?

Ich wache auf.


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