Egilsay
25.08.2025
Der Wind peitscht schwer über die Nordsee, die Luft schmeckt nach Salz. Ich stehe allein am Fährhafen, bei diesem Wetter will niemand raus und schon gar nicht auf diese gottverlassene Insel. Wer im Haus bleiben kann, wärmt sich lieber die Knochen. Aber ich habe eine Mission. Antworten auf Fragen suchen, die mir niemand beantworten kann. Die auch ich als ewige Rätsel in meinem Leben akzeptieren muss. Wo gehöre ich wirklich hin?
Die Fähre legt an, es ist eine wirklich lächerliche Nussschale in der wilden See und ich begreife sofort, dass die Überfahrt kein Spaziergang sein wird. Das Boarding geht schnell und relativ wortlos, wir legen sofort ab. In meinem Kopf spielen tausend Fragen verrückt und gleichzeitig denke ich nichts. Die Dualität der Konfusion. Wir schwanken durch die Böen. Was zum Teufel mache ich hier, 4.000 Kilometer von dem Ort, den ich Zuhause nenne? Werde ich das finden, was ich suche?
Nach einer gefühlten Ewigkeit legen wir an, der Hafen liegt im Westen. Ich habe nur wenige Stunden Zeit, auf der Insel kann man nicht übernachten. Ich winke dem Fährpersonal stumm und marschiere gleich los. Wochenlang habe ich die Karte studiert, wozu eigentlich? Hier leben um die zwanzig Menschen. Es gibt eine Straße nach Norden, eine nach Süden und einen Weg nach Osten. Gefühlt kann ich die ganze Insel bis zur Rückfahrt umrunden. Zielstrebig laufe ich los, ohne wirkliches Ziel. Bin ich hier überhaupt richtig?
An der Ruine von St Magnus vorbei, ein Auto fährt im Schritttempo an mir vorbei. Touristen sieht man hier nur sehr selten. Vereinzelte Häuser, viele Felder, ein paar Nutztiere und jede Menge Vögel. Fernab von jeglichem Klischee über Schottland. Das ist hier das pure raue Leben, für diesen Zustand musst du geboren sein. Wo mag er damals gelebt haben, wo wird mein Vater als Kind mit Altersgenossen gespielt haben? Irrwitzige Fragen, ich kann nur mutmaßen. Was suche ich eigentlich?
In der alten Schule gibt es gegen Spende Tee und die Möglichkeit, sich über Vergangenes zu informieren. Ich blättere hektisch, suche nach Indizien. Dabei finde ich nur Vages, der Tee ist eher miserabel. Ich habe natürlich nichts gefunden, aber auch nichts gesucht. Aber ich war da. Da, wo meine Wurzeln liegen. Es wird Zeit zu gehen, die Fähre wartet. Dann verläuft der Film. Wird es wirklich so sein, wenn ich jemals dorthin fahre? Werde ich das Gefühl haben, dort wirklich angekommen zu sein? Und was ist, wenn nein?
Ich wache auf.
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