Wir müssen uns darüber im Klaren sein
31.05.2024
Kein Zweifel, Instagram ist wie alle anderen sozialen Netzwerke nur noch anstrengend und nervtötend. Und mit etwas mehr Verve würden mir noch zig weitere Attribute einfallen, die nicht charmanter ausfallen würden. Allerdings gibt es seit einigen Wochen (nicht nur dort) einen Account, den es zu verfolgen lohnt.
Dahinter steckt ein Buchhändler in seinen frühen Achtzigern, der in Köln ein Buchantiquariat führt und den die wirtschaftliche Lage dazu brachte, mit etwas gutem Zureden “online zu gehen” und sein Geschäft zu vermarkten. Das macht Herr Willbrand auf solch eine charmante Weise (Marketing-Menschen würden hier das Adjektiv “authentisch” verwenden), dass er damit ankommt. Er redet über empfehlenswerte Bücher, welche Autoren seiner Meinung nach interessant sind und darüber, dass Hermann Hesse völlig überschätzt sei. Kurzum: Man muss diesen Menschen einfach gern haben - in seiner ganzen Art.
Für mich ist dieser Account deswegen ein Faszinosum, da mir in der Schule jede nur denkbare intrinsische Freude an Literatur durch die ewigen Interpretationseinheiten genommen wurde. Ständig dieser Reflektionswahn und die teilweise unmögliche Auswahl an Büchern, mir hat das viel Energie gekostet. Abseits davon bin ich eh kein Freund fiktionaler Stoffe, das echte Leben bietet ja schon Drama genug. Ein Buch gelang jedoch auf Empfehlung von Herrn Willbrand auf meinen Nachttisch - der Tractatus logico-philosophicus von Ludwig Wittgenstein. Diese Abhandlung nimmt die Sprache auseinander und setzt diese in eine logische Systematik. Leichte Nachtlektüre ist Wittgenstein nicht - ich muss nach ein paar Seiten Pausen einlegen, darüber nachdenken. Vermutlich war das dessen Absicht, immerhin sind mir gewisse Gedanken nicht fremd. Und das ist ja auch schon eine Leistung.
Jedenfalls habe ich wieder Lust auf Lesen - danke dafür Herr Willbrand und weiterhin viel Erfolg!
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