‹ Loggbok

Posts


20.05.2026

Und wieder ist ein Lebensjahr um. Immer rasanter, der Zahn der Zeit beißt sich langsam ins Fleisch. Heute war aber ein guter Tag, das Wetter hielt entgegen der Prognosen eine sehr sonnige Periode bereit. Die Liebste und ich waren im hiesigen Museum und zum Abschluss gab es noch Kaffee auf die Kralle. Dazu als Geschenk ein von meiner Liebsten gemaltes Bild der Orkney-Fähre vor Egilsay. Wieder etwas für die Tränendrüse, mit zunehmenden Alter ist eine Sehnsucht nach diesem Ort entstanden.

Und mit einer Flasche Grauburgunder schalten wir nun um ins Abendprogramm. Könnte schlimmer, nein?

Unweit meiner Geburtsstadt ragt ein Moloch aus der Landschaft, er ist täglich Hinrichtungsort von tausenden Tieren. Wir bekommen das gar nicht mit, denn das Fleisch liegt ja abgepackt im Kühlregal. Manchmal sogar in den eigenen Darm zurückgestopft, unser Zynismus ist da grenzenlos. Was früher eine direkt moralische Angelegenheit war (“Wenn du am Sonntag Fleisch essen willst, musst du das Huhn auch schlachten.”), erledigt die Schlachtindustrie im Stillen. Dass der ganze Prozess mit Risiken (Hormone, Krankheiten und was weiß der Teufel noch) versehen ist, kümmert uns Menschen wenig. Umsonst ist nicht mal der Tod und wenn wir für Kolleteralschäden unangenehme Dinge übertragen können, warum nicht?

Das Gleiche vollzieht gerade KI an uns: Mit den vermeintlichen Segnungen kommen zig Nachteile im Gepäck. Wir verschleudern rares Gut wie Wasser, treiben Stromkosten in astronomische Höhen und geraten gerade in Gefahr, dass die Demokratisierung der Informationstechnologie versiegt. Waren Heimcomputer in den Achtzigern, PCs in den Neunzigern und Notebooks sowie Smartphones in den Nuller-Jahren Wachstumsgaranten und Ausdruck dessen, dass diese Technologie massenkompatibel und gesellschaftsfähig wurde, passiert jetzt das Gegenteil. Komponenten werden nur noch für Industriezwecke gedacht, der Privatkonsument ist jetzt lediglich Petent. Aber konsumieren soll er, denn das KI-Monster braucht ja Geld. Sonst gehen die utopischen Wetten nicht auf und die RAM-Bestellungen wollen ja bezahlt sein.

Auf seinem Blog hat Jan sehr eindrucksvoll beschrieben, welche Absurdität das Ganzen angenommen hat. Das Ergebnis ist, dass Jan jetzt keinen neuen PC bauen möchte. Weil das Hobby durch die Spekulationen Anderer kein Hobby mehr ist. Und weiter gedacht entziehen wir Kindern mit unserer kurzfristig gedachten Vision wichtige Bildung: Programmieren lernen? Brauchst du nicht mehr, es gibt ja KI. An Computern basteln? Nutzlos, du kannst dich ja auf Big Tech verlassen. Oder zu überteuerten Preisen ein voll verklebtes Gerät erwerben. Wenn dann nach drei Jahren was kaputt ist, kaufst du für noch mehr Geld halt ein gleiches oder schlechteres Gerät. Also je nachdem, was der Markt für dein Budget noch hergibt.

Gemästet wie noch nie, die Köpfe zugleich leer: Das ist die neue Realität. Wir überwinden Widersprüche, indem wir sie gar nicht mehr ernsthaft als Solche verstehen. Wozu auch, das Denken übernimmt jetzt irgendso ein Algorithmus. Und was der nicht gefragt wird, existiert halt auch nicht. Gemütlich haben wir es in unserer neuen Realität.

Und später wird gegrillt. Es gibt Fleisch.

Der Mensch lernt ja am Besten aus Dummheiten oder wenn er sich in ein Thema reinkniet, von dem er initial nicht den leisesten Schimmer hat. So geht es mir mit unseren Röhrenradios.

Im Herbst 2024 sind die Liebste und ich auf das Thema gestoßen und dass es ja eine schöne Bereicherung wäre, solch ein Gerät zu besitzen. Nach viel Rumgeschleiche auf diesem Auktionsportal mit den vier Buchstaben erwarben wir für einen Spottpreis inklusive Versand das Telefunken Largo 1253. Aus Franken geliefert präsentierte sich das Gerät in einem dem Alter entsprechenden aber guten Zustand und wir waren sehr ermutigt, diesen Glücksfall zu wiederholen. Für die Küche wollte die Liebste was Kleineres und erstand eine Philetta BD 273 U. Ich war mit der Philetta nicht ganz einverstanden, weil sie nur einen NF-Tonabnehmer-Anschluss hatte. Die dazu gehörigen Stecker hat damals fast ausschließlich die Firma Hirschmann gefertigt, es gibt diese Firma längst nicht mehr. Stecker kann man zu Mondpreisen kaufen, diese sind aber unbelegt. Mein Argwohn war also durchaus berechtigt.

Das Gerät kam leider nicht in dem guten Zustand wie das Telefunken an, das Gehäuse war leider bereits gebrochen. Das Adapter-Thema konnte dank Jörg Baltschun und sein Team bei Neufeldt & Kuhnke gelöst werden. Nun hatte ich die Tage Muße, mich um die Bluetooth-Fähigkeit der Philetta zu kümmern. Dabei habe ich gelernt:

  • Galvanische Trennung ist ein Problem, wenn das Gerät ein Allströmer (also auch andere Spannungen neben 230V) ist und der BT-Adapter aus dem gleichen Stromkreis gespeist wird.
  • Der NF-Tonabnehmer ist supersensibel und verträgt nur geringen Stromeingang.
  • Wenn beides nicht gegeben ist, brummt der Lautsprecher sehr laut.

Das Problem konnte ich temporär durch Verwendung einer Powerbank lösen. Das ist zwar einfach, setzt aber volle Aufladung voraus. Und Musikgenuss ist halt einfach nicht planbar. Es führt also kein Weg daran vorbei, dass die Philetta eine Werkstatt besuchen muss - mindestens für die galvanische Trennung. Die Skalenbeleuchtung hat aber auch einen weg und der Geruch beim Betrieb ist mir nicht ganz geheuer. Kann Verschmutzung durch Staub, aber auch wegbritzelnde Elektronik sein. Das Risiko ist mir auf Dauer zu groß, zudem muss ich aber auch abwägen, wie viel Aufwand für die Philetta noch gerechtfertigt ist. Der Klang jedenfalls ist so gut, dass ich noch nicht aufgeben mag.

Das nächste Röhrenradio hat aber auf jeden Fall wieder einen DIN-Anschluss, der Standard ist noch nicht so überholt und weniger empfindlich. Soll ja keiner sagen, dass ich nicht gelernt hätte.

1985 war für die Musikbranche ein definierendes Jahr. Musik mutierte zur globalen und visuellen Marke, durch TV-Sender wie MTV und VH-1 immerzu verfügbar. Gleichzeitig prägten große Stadionkonzerte, die Dominanz von Synth-Pop und der Übergang von Vinyl auf die Compact Disc das Jahr. Und es war das Jahr, in dem ich zur Welt kam. Daher möchte ich euch mit auf eine Reise nehmen, die in zwölf Posts (antizyklisch) das Musikjahr 1985 seziert und aufzeigt, was so faszinierend an den Klangerzeugnissen dieser Zeitspanne war.

Der kalte Krieg bleibt politisch beherrschendes Thema, nach einer Abfolge alternder und gebrechlicher Generalsekretäre übernimmt ein gewisser Herr Gorbatschow das wichtigste Amt in der Sowjetunion. Von Entspannung ist aber noch nichts zu spüren, dafür ist die Rhetorik zwischen ihm & US-Präsident Reagan zu festgefahren. Unter diesem Einfluss gedeiht jedoch eine popkulturelle Öffnung, deren Auswirkungen noch heute spürbar sind. Musiker:innen & Bands gewinnen Wiedererkennungswerte rund um die Welt und sind Imageträger:innen, sowohl in ihrer Kunst, als auch in Werbung und durch Unterstützung für soziale Belange. Zugleich stützt das Fernsehen als Medium die Überhöhung der Stars, sowohl durch die Ausstrahlung von Musikvideos als auch die Live-Übertragung von Events wie Live8. Der visuelle Eindruck gewinnt dadurch hohe Relevanz. Sowohl die Gestaltung von Videos (vgl. Take on me von a-ha) als auch Mode & Looks der Künstler:innen setzen Trends. Zugleich wandert die Jugendkultur aus den Suburbans und Stadtteilen ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Hip-Hop wird ein Faktor in der Musik, Breakdance gehört selbstverständlich dazu und verbreitert das Spektrum der kulturellen Strömung enorm. 1985 ist popkulturell ein Jahr der Prosperität.

Die CD setzt neue Maßstäbe in der Transformation von Musik ins Digitale. Auch die Produktionen lösen sich vermehrt vom Tonband zu fortschrittlicheren Methodiken. MIDI und Synthesizer sorgen für klareren und vielfältigeren Klang. Kreative Ideen lassen sich immer einfacher und ohne massiven Einsatz von zusätzlichen Ressourcen umsetzen, das schafft eine Demokratisierung der musikalischen Fähigkeiten und Output, der das Jahrzehnt prägt. Refrains werden zu massentauglichen Trägern von Emotionen, unterlegt durch technischer konstruierte Musik. Diese Musik wird poppiger, trotz der Vielfalt an Stilrichtungen. Und zugleich wird die Kunst sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst, Bob Geldorf trommelt im Sommer zu Live8 zusammen und schafft so den Zusammenhaltsmoment des Jahres. Diese Charity-Bewegung wird sich in Kampagnen wie USA for Africa weiter tragen und so den Blick auf die Menschen richten, die fernab von den Scheinwerfern der Konzerte solchen Ausmaßes leben.

1985 war also ein wichtiges Jahr - geprägt von Aufbruch, neuen Möglichkeiten und vor allem viel guter Musik. Mit einer gesunden Portion Subjektivität werde ich in den kommenden Wochen für jeden Monat des Jahres einordnen, welche Releases und warum sie wichtig waren. Denn wir alle wissen: Ein Jahr geschieht nicht auf einmal.

15.03.2026

Es geht nur noch um das Erreichen der Amplitude, niemals um den Median. Die Ausprägung ins Positive oder Negative ist nebensächlich. Hauptsache, es scheppert und wir alle spüren Emotionen, schütten Hormone aus. Am Besten schreiben wir das noch ins Internet und entfachen Flächenbrände im Ausmaß des Regenwaldes. Ferngelenkt von Accounts, deren Menschen dahinter wir nicht kennen und deren Absichten uns nicht klar sind. Aber wir reagieren und das mit epochaler Wucht.

Aber wem nützt Rückenmark-gesteuerte Geschäftigkeit? Uns wohl kaum, Anderen nur in ihrer Gehässigkeit. Ich möchte mich weder vor einen Karren spannen lassen noch permanent auf der Hut sein müssen, weil ich nicht weiß, wer mich wie zur Emotion verleiten lassen will und aus welchem Kalkül. Meine Reaktion gehört mir, niemand Anderem. Und genau so schreibe ich auch niemanden vor, wie sie oder er auf mich reagieren soll. Wenn es dich triggert, was ich sage oder schreibe, ist das nicht meine Verantwortung. Ich würde mich aber freuen, wenn du mir sagst, warum.

Dauerhaft Amplituden erzeugen führt in letzter Konsequenz zur Systemüberlastung. Wenn es knallt, geht was kaputt. Das erleben wir in der Gesellschaft tagtäglich, im Internet wie in der Petrischale. Das bemängeln wir achselzuckend und öffnen dann wieder Instagram und die anderen tollen Apps, die uns gleich wieder den nächsten vermeintlchen Skandal auf die Netzhaut brennen.

Wann sind wir endlich so satt davon, dass wir nur noch kotzen?

← Ältere Beiträge Neuere Beiträge →