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Den Monat überleben
Der November ist spätestens seit dem Tod meines Vaters für mich der Kropf im Jahresverlauf. Ein absolut dunkler und trüber Monat, den es einfach zu durchstehen gilt. Natürlich gönne ich den Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel den Sommer. Aber innerlich zieht mich diese Phase sehr runter. Ich brauche mit zunehmenden Jahren auch immer länger, aus diesem Novemberblues in die Weihnachtszeit zu gleiten. Diese Umschaltung von gefühlter Trostlosigkeit in Vorfreude ist mental eine ziemliche Herausforderung.
Einen harten Tag habe ich schon durchstanden, ein harter Tag steht mir noch bevor. Das wird der Todestag meines Vaters sein. Der Film, wie ich nach Hause fahre und das alles erlebe, fährt zuverlässig bereits jetzt in meinem Kopf ab. Als wolle mir mein Gehirn nochmals sehr nachdrücklich beweisen, dass das real ist. Auch nach fast acht Jahren verdrängt man diese Erfahrung nicht, vermutlich werden die Bilder vielleicht etwas blasser. Etwas erträglicher.
Bis dahin werde ich wohl oder übel lernen müssen, den November in Schonhaltung zu überleben. Einfach das Beste draus zu machen und an den Tagen, die mich fordern, Pause einzulegen. Dinge zu tun, die mir helfen oder mich ablenken. Und auch zuzulassen, wenn der Film mich zu sehr fordert und es nicht versuchen, runter zu schlucken. Denn dann wird es nur schlimmer.
Another point of view
Mit der Dunkelheit kam die Stille. Eine Stille fernab jeder Bedrohlichkeit. Die Art von Ruhe, die ein wohliges Gefühl auslöst, ein prickelndes Kribbeln im Nacken. Endlich schweigt die laute Welt für ein paar Stunden, alle bleiben in ihren Heimen und überlassen einander in die eigene Obhut. Kein Rauschen des medialen Äthers, keine FYI-Mails oder andere Nicht-Dringlichkeiten. Es lag ein Schleier der Betulichkeit auf allem.
Die Katze hat sich bereits schlafen gelegt, ihr Schnorcheln reißt ganz fein an der Fassade der Geräuschlosigkeit. Wie der Versuch, den Mantel des Schweigens zu perforieren. Sie weiß nichts von den Mühsalen des Alltags, ihr Streben gilt dem Jetzt und Hier. Langsam streckt sie ihre Hinterläufe von sich und sieht dabei voller tiefem Frieden aus. Wenn sie aufwacht, wird die Welt für sie in Ordnung sein. Der Mensch steht bereit und versorgt sie. Dann wird sie spielen, sich mit den Artgenossen neue Wege der Unterhaltung überlegen und ihr kleines Territorium überwachen.
Wir sehen das Gleiche, doch sie nimmt es anders wahr. Vielleicht träumt sie ja davon. In der Vorfreude und Zuversicht, wie schön und doch kalkulierbar ihre Umgebung ist. Wie gut der Mensch ist, der sie umsorgt. Wie blöd der Nachbarskater. Feste Koordinaten in einer Welt, die immer mehr zerläuft. Aber warum sollte sich eine Katze damit beschäftigen? Ihr Mantra ist die Ignoranz, die sie dem schenken kann, was sie nicht belangt.
Ich sehe ihr beim Schlafen zu und genieße die Stille. Manchmal wäre ich einfach gerne sie.
The late adopter
Meine erste Corona-Erkrankung hatte ich im November 2023, als Souvenir mitgebracht von einer Geschäftsreise. Demzufolge hat mich die Angelegenheit auch erstaunlich fertig gemacht und die ganze Familie entsprechend mit in den Abgrund der Krankheit gerissen.
Die Tage war es wieder soweit und ich habe wieder neun Tage gebraucht vom Gefühl der ersten Antriebslosigkeit über den Ausbruch am Donnerstag vergangener Woche und einem Wochenende im Bett bis ich Mitte dieser Woche wieder so einigermaßen auf den Damm war. Was für eine scheiß Krankheit, die uns immer noch als Menschheit piesackt. Ich bin von der Kernveranlagung sehr robust in der Gesundheit, aber Corona hat es beide Male geschafft, mich wirklich auf Nullzustand zu bringen. Und es gibt Menschen, für die diese Krankheit erheblich schlimmere Folgen hat.
Was ich immer noch nicht verstehe: Warum gibt es immer noch Menschen, die das nicht verstehen? Für die Corona einfach nicht oder nur peripher existiert und alle, die daran (vor allem mit schlimmeren Verläufen) erkranken, als Schwächlinge abtun? Ich kann solchen Menschen eindringlich nur zu Folgendem raten:
Wenn ihr keine Ahnung habt und besonders wenn ihr keine medizinische Ausbildung genossen habt - Haltet einfach bitte das Maul!
Allen Anderen wünsche ich, dass sie gesund bleiben oder wieder gesund werden.
Keine nachhaltige Intelligenz
Eigentlich rechne ich sehr bald damit, dass immer mehr Menschen das Dilemma von Künstlicher Intelligenz bewusst wird. Sie ist nicht intelligent, sondern wie ich letztens treffend las “stochastische Papageien”. Mathematik des Zufalls hilft uns aber nicht weiter, wenn wir Herausforderungen nachhaltig bewegen wollen. Schnell kommt dann die Rede auf Workslop, also professionell aussehende Arbeitsergebnisse - die bei Licht betrachtet aber generischer und nutzloser Müll sind. Alles mit KI generiert, aber schädigend für den Betrieb. Dann erfahrene Arbeitskräfte müssen dann ein Vielfaches an Zeit aufwenden, um das Problem zu lösen.
Wir Menschen sind groß im Verdrängen, Delegieren ist unsere liebste Tätigkeit. Die höchsten Weihen der Selbstoptimierung erlangt, wer alles bei sich selbst auf das Minimum kürzt und seine sonstigen Aufgaben in Beruf und Privatleben auslagert. Einzig bleibt als Herausforderung dieses egozentrischen Schneeballsystems: Was passiert, wenn auch das Herr der Delegationsempfänger:innen delegieren möchte? KI bietet dafür ein geduldiges Vehikel, die Risiken werden aber kaum betrachtet. Diese vermeintliche Demokratisierung der Delegation ist in Wahrheit eine Sackgasse der Unzulänglichkeit. Und ich freue mich auf den Tag, an dem die Blase mit voller Wucht platzt.
Ira et studio
Zorn und Eifer, gleich der betrachteten Situation. Wohin man sich auch umblickt, die sachlichen Argumente sind der Lautstärke und dem Beharren an überholten Einsichten oder leicht umstoßbaren Behauptungen gewichen. Emotion als Triebfeder für dauerhaftes Sendungsbewusstsein - das Schaulaufen im Jahrmarkt der Befindlichkeiten. Das Theater hat rund um die Uhr auf, wir können anscheinend nicht genug davon bekommen.
Am Ende bleibt aber die Erkenntnis, dass wir gar nichts mehr voneinander wissen. Wer sind wir, wo kommen wir her, was beschäftigt uns und ist unser Motor im Leben? Würden wir einander ernsthaft zuhören, miteinander in den Dialog geraten und Identität nicht als negativ beeinflussenden Faktor, sondern als Beitrag zur Diskussion und zur Gesellschaft begreifen, was wäre dann möglich? Wir können Gemeinschaft nur mit den Menschen machen, die nun mal da sind. Dafür braucht es die Dialogfähigkeit, gleich auf welcher Seite.
Inhaltliche Auseinandersetzung kann schmerzhaft sein, sie kann uns vor Widersprüche stellen und unser Denken oder Handeln hinterfragen. Es gibt aber keine Alternative zum Wandel, kein anderes Konzept als das der Gesellschaft. Es braucht weniger Zorn und Eifer, mehr Gelassenheit. Mehr Interesse am Anderen, mehr Offenheit. Nur dann gelingt uns die Aufgabe, miteinander in Frieden zu leben.