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Defragmentieren für Fortgeschrittene
Der August und ein Drittel des Septembers zogen nach meinem letzten Blogeintrag durch, in einer Wucht, dass es mich sehr schaffte. Der Arbeitsdruck nivelliert sich gerade wieder etwas, die letzten Wochen waren eindeutig zu viel. Daraus muss ich Schlüsse ziehen, mir fehlt aber der Funke Inspiration, welche Schlüsse denn die Richtigen sind. Viele Gedanken, aber in allen finde ich so schnell die Contras, dass die Pros keinen Raum haben. Wie soll mensch da entscheiden?
Die Vorsorge-Untersuchung ergab im Wesentlichen die beruhigende Erkenntnis, dass ich gesund bin. Einzig einige Cholesterin-Werte sind in einer Ratio, die meinen Arzt dazu veranlassten, mir eine Ernährungstabelle mitzugeben. Der erste Enthusiasmus ist bereits verflogen, ich habe die letzten Wochen leider weiter so gegessen wie bisher (auch stressbedingt). Und Sport sollte ich ja auch machen. Nächstes Jahr steht die Kontrolle an, es gibt also einen latenten Druck für eine Veränderung der Gewohnheiten. Aber auch hier die Frage: Wie fange ich an, was lässt sich mit dem Tagesplan vereinbaren?
Ansonsten habe ich wieder bei Herrn Willbrand bestellt, der nun eine richtige Website inkl. Shop und weitere Mystery-Boxen ins Programm genommen hat. Dieses Mal gab es die Philosophie-Box, Platon war drin mit dem Werk “Der Staat” und ein dialektisches Buch über die Ansätze von Hans Blumenberg. Gerade auf Platon bin ich gespannt, in der Phase des gefühlten “Die Demokratie fliegt uns um die Ohren” die Rückbesinnung auf das, was dieses politische System eigentlich bedeutet und wie es sich gründet. Und der Ulysses von Jocye liegt hier auch noch. Jetzt muss ich mich nur dazu aufraffen. Kann mich bitte jemand treten?
#WMDEDGT - August 2024
Einmal im Monat (immer am 5. Tag) fragt Fr. Brüllen, was man denn so den ganzen Tag über macht. Ich mache das erste Mal mit.
07:40: Ich stehe auf, nachdem ich mich noch einige Minuten daran erfreute, dass ich keinen Beruf wie z.B. Bäcker ergriffen habe. Auf dem Weg ins Badezimmer gilt der erste Blick den Katzen. Sie schlafen noch.
08:10: Nach dem üblichen Körperpflege-Vorgang prüfe ich erste Mails und Vorgänge. Die Woche wird anscheinend nicht besonders anstrengend.
08:20: Heute gibt es losen Ostfriesen-Tee, ich bereite alles gemäß der ISO-Norm vor. Dabei fallen Dinge auf, die nachgekauft werden müssen. Ich übertrage sie seufzend in die Einkaufsliste.
08:40: Wieder am Schreibtisch jage ich Kundenfreigaben zu verschiedenen Themen durch und leite nach positiven Bescheiden die weiteren Schritte ein.
09:30: Verschiedentliche Abstimmungscalls zu unterschiedlichen Projekten
10:00: Ein längerer Call zu einem Projekt, der konkrete operative Schritte für mich nach sich zieht, die bis heute Abend erledigt sein müssen.
11:00: Kurz ToDos sortieren, eine Kleinigkeit essen, kleine Status-Abfragen in verschiedene Richtungen.
11:30: Abstimmungscall mit einem Kunden zu einem Projektstand.
12:00: Die Kund:innen sind zu Tisch, ich nutze die Phase für fokussierte Arbeit an den Ergebnissen des 10 Uhr-Calls.
14:00: Kleine Snack-Pause, danach geht es weiter mit der Präsentation.
15:30: Ein weiterer Kunden-Abstimmungscall, eingeleitet mit etwas Geplauder zum Thema selbst Bier brauen. Man braucht mehr solcher Termine an Montagen.
16:00: Noch eine Stunde Deep Focus auf die Präsentation.
17:00: Täglicher Kehraus, Mails beantworten, Deadlines setzen und Anforderungen stellen.
17:45: Feierabend. Für morgen kurz die Tasks sortieren. Die Liebste kocht, es gibt Milchreis.
18:10: Nach dem Essen entspanne ich etwas und schaue mir Dokus zur Bonner Republik an.
19:40: Ich räume die Spülmaschine aus und wieder ein. Danach wieder ein positiver Beitrag zur Screentime.
22:30: Da ich am nächsten Tag bereits das erste Meeting um 8 Uhr habe und früher aufstehen muss, gehe ich ins Bett. Katze 1 schnurrt mich in den Schlaf.
Im Norden nichts Neues
Was macht der Mensch in der Retrospektive mit einer Woche, in der nichts Aufregendes geschah? Wenn trotz großer Mühe kein substanzielles High- oder Lowlight erkenn- und beschreibbar ist? Er schreibt trotzdem etwas auf, weil das Ritual gepflegt werden will.
Sehr erfreulich ist jedoch, dass die Gurkenpflanze nicht aufhört, uns ihre Früchte anzubieten. Und auch die Tomatenpflanze, die ich völlig verkümmert aus einem Discounter rettete, trägt dank der Gartenkunst der Liebsten reichlich Last - allerdings noch sehr grün. Aber ich möchte nicht übers Wetter sprechen, das tun andere Zeitgenossen reichlich (sowohl in Quantität als auch in inhaltlicher Verirrung). Vielleicht doch eine Bemerkung: Über die Elbe fegende Windhosen sind jedenfalls nichts, was ich unter einem normalen Wetter verorten würde. Aber was weiß denn ich.
Katze 2 ist wieder eingefallen, dass sie auf dem Kleiderregal im Schlafzimmer hervorragend verweilen kann. Das geht allerdings nur dann, wenn die Liebste oder ich ein Einsehen haben und sie aufs Regal heben. Dann erwartet sie aber auch regelmäßige Streicheleinheiten oder andere Lobhuldigungen, die sie schnurrend und ihren Kopf an den des Menschen stoßend erwidert. Runter kommt sie allein, aber sie wäre nicht die neurotische Herrscherin, die sie ist, wenn sie uns nicht dafür auch einspannen würde. Etwas piepen, ein bisschen panisch gucken und schon eilt der humane Diener zur Hilfe, die ohne Dank entgegegen genommen wird. Aber für seine tierischen Freunde tut man bekanntlich gerne alles.
Übernächste Woche habe ich einen geplanten Arzttermin, den mein Mediziner des Vertrauens “Check-Up” nennt. Mit Ende 30 macht man so etwas anscheinend. Ich also auch. Im Kopf herrscht ein Disconnect zwischen gefühltem und biologischem Alter. Ist das wirklich schon ein graues Haar im Bart? Sehe ich noch den Unterschied zwischen der 3 und der 5? Mein Interesse an solchen Fragen ist überschaubar. Dass sie sich stellen, ist aber nicht vermeidbar. Alter als Chance für mehr Gelassenheit mit sich selbst. Wenn es nach mir geht, kann sich dieser Prozess aber gerne noch eine erhebliche Weile hinziehen.
Kein Mann für alte Länder
Im Blog schaffe ich momentan nur eine wochenweise Retrospektive. Das ärgert mich, aber an den Werktagen ist einfach zu viel los mit Themen, die volle Aufmerksamkeit erfordern. Außerdem bietet nicht jeder Tag blogwertes Geschehen. Im Homeoffice ist es oft doch weniger erlebnisreich als man sich vorstellen kann.
Die Bundesbauministerin hat eine richtig ausgefuchste Idee, die der Wohnungsnot auf den Städten so richtig beikommt: Die Leute sollen einfach aufs Land ziehen. Wenn man solche Dinge liest, wird man erst sauer, dann sehr müde und zum Schluss gleichgültig. Offenkundig sind die Ministerin und ihr Stab aber schlecht informiert, wie sich die Wohnsituation und die Infrastruktur auf dem Land in den letzten dreißig Jahren entwickelt hat, das kann ja mal passieren. Jedenfalls könnten wir nicht mal so eben aufs Land ziehen, ohne Führerschein ist das einfach eine Utopie.
Nachdem letzte Woche die Auftragslage kurz etwas dünn aussah, ist diese Woche schon wieder der Überfluss ausgebrochen. Das hat Auswirkungen auf den Sommerurlaub, die mir nicht behagen. Aber gegen den Strom urlauben hat auch was. Und da wir eh daheim bleiben werden, ist die Frage des Zeitpunkts am Ende doch unerheblich. Hauptsache, man hat etwas Entspannung. Und bis dahin gibt es den vielfältigen Blumenstrauß an beruflichen Projekten.
Gemerkt: In unserer Stadt muss man erst einen signifikanten Radius abgelaufen haben, um Marzipantorte erstehen zu können. Auf dem Land wäre das folglich unmöglich.
Gestern kam ein gewonnenes Shirt vom ollen Bastard an, Beweisbilder gibt es im Netz. Und ich spendete den beiden famosen Esel & Teddy Auphonic-Credits, damit sie auch die 18 Jahre in 2025 voll machen. 2/3 der Personen kenne ich persönlich, schon witzig, wie lange her das alles ist und man trotzdem einander verfolgt. Das Internet ist nicht nur voller schlechter Menschen, es gibt auch ein paar sehr brauchbare Personen. Schön, dass ihr das so lange macht und haltet bitte weiter durch!
After the heat
Nach dreieinhalb Tagen Sommer brach schon wieder der Regen über uns herein. Dass der Mehrheit der Menschen sowohl in diesem als auch in anderen Ländern immer noch nicht auffällt, dass das kein Zufall ist und uns die wirklich ernsthaften Folgen unseren Handelns noch bevorstehen, macht mich fast noch mürber als Temperaturen jenseits der 25 Grad. What a time to be alive. Aber nicht im positiven Sinne.
In Amerika möchte ein alter Mann seinen verantwortungsvollen Job doch besser nicht nochmals ausüben bzw. dafür kandidieren. Der andere alte Herr, der dachte, dass er dem leicht älteren Herrn daraus einen argumentativen Strick drehen könne, steht nun doof da. Weil er nicht weiß, wer stattdessen antritt. Es ist ein einziges Unterhaltungsdrama, eine niemals endende Daily Soap. Dummerweise wird dem Amt und dem Land viel Bedeutung und Macht zugemessen. Im Programm eines öffentlich-rechtlichen Senders ist man derweil der Meinung, dass die Schuhmarke einer möglichen Ersatzkandidatin ein relevantes Detail ist. Dessen Abkürzung bedeutet offenkunding Zentrum der Füße.
Seit zwei Wochen nehmen die Liebste und ich uns vor, dass wir Käsespätzle essen wollen. Jedes Mal scheitert es daran, dass im Supermarkt Zutaten fehlen. Das ist ein ausgewachsenes Komplott - jedermann (und frau) weiß, wie wichtig Käsespätzle für die innere Mitte sind. Mit jedem Tag gehen wir gefühlt etwas schiefer, weil eben die Balance einer soliden Portion fehlt. Jeder innere Protest hilft aber nicht, das Regalfach bleibt unerbittlich leer. Bald fange ich wohl an, von diesem Gericht zu träumen.
Beim Klassentreffen habe ich mich durchgerungen, an der Messenger-Gruppe teil zu nehmen. Der Ton ist sehr zivil, von den üblichen Statusvergleichen noch keine Spur. Die eher organisatorischen Köpfe kramen Namen hervor und mir fallen Erinnerungen teils leicht, teils habe ich gar kein Bild mehr im celebralen Speicher. Manche dieser Namen waren nach einem oder zwei Jahren aus der Klasse ausgetreten, das ist über 25 Jahre her. Natürlich ohne ein Wiedersehen irgendwelcher Art - wie soll mensch sich noch daran erinnern? Bis Ende des Monats werden noch die letzten Personen “überzeugt”, dann erst geht es an eine Terminabstimmung. Man darf gespannt bleiben.
Letztens erzählte ich im Blog vom derzeitig spannendsten Instagram-Account, dem Buchantiquariat Willbrand. Im Rahmen einer Aktion wurden sogenannte Mystery-Boxen verkauft, wir haben auch zugeschlagen. Neben Dürrenmatts Besuch der alten Dame (das einzige Stück Literatur aus der Schulzeit, dass mir Freude bereitete) waren zwei Werke drin, bei denen ich noch den Zugang finden muss: “Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto” von Mario Vargas Llosa und “Portugals strahlende Größe” von António Lobo Antunes. Eine tragische Komödie, ein erotischer und ein geschichtsbezogener Roman. Was für eine Mischung, daran werden wir lange zu knabbern haben.