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Onkel Roger

01.09.2025

Roger war das mittlere von fünf Kindern, 1938 geboren. Seine Kindheit war durch bittere Armut geprägt, auf einer kargen schottischen Insel. Diese teilte er mit drei Brüdern und einer Schwester. Nach der Schule schlug er sich durch, erst als Hilfsarbeiter auf einer Farm bei der Versorgung der Tiere und Bestellung der Felder. Dann rief ihn die Armee, er sah neben der englischen Insel auch auch den mittleren und fernen Osten. In Singapur erreichte ihn 1969 die Information, dass seine Dienste nicht länger benötigt wären.

Danach ging er nach Australien, wo er 25 Jahre lebte und arbeitete. Seine Ehe, die er erst im Alter von fünfzig Jahren einging, endete 1997 nach neun Jahren kinderlos. Ein Jahr versuchte er, wieder in Schottland Fuß zu fassen. Doch die Sehnsucht nach Australien blieb, er kehrte zurück und ließ sich in der Gegend von Melbourne nieder. Dort starb Roger 2021, nach einem wie er sagte sehr gutem Leben.

Ich habe Roger nie kennen gelernt, von ihm habe ich erst durch eine Nachlasskanzlei erfahren. Diese war auf der Suche nach Nachfahren und fand meine Geschwister und mich nach längerer Suche. Auch geschuldet durch dem Umstand, dass die Schreibweisen des Nachnamens sich bei ihm und uns unterschieden. Ich wusste zwar, dass mein Vater Geschwister hatte, aber er wurde nie präziser. Vielleicht litt er darunter, dass die Familie durch die Armut bedingt auseinander riss und jedes Familienmitglied seine eigenen Wege gehen musste. Die beschriebenen Details kenne ich also nicht aus persönlicher Erzählung, sondern jemand hat sich in der Seniorenresidenz damals Zeit genommen und Roger nach seinem Leben befragt. Für diese Mühen bin ich sehr dankbar, weil sie einige Fragen zumindest in groben Zügen klären.

Die australischen Mühlen mahlen noch langsamer als die hiesigen, deswegen ist erst jetzt, vier Jahre nach seinem Tod, der letzte Nachlass auf dem Weg zu uns. Ein Karton mit Kleinigkeiten, nichts von Wert. Die letzten nicht verkaufbaren Habseligkeiten, letzte Spuren eines erloschenen Lebens. Wir wissen, dass alte Dokumente dabei sein werden. Ausweise mit natürlich den obligatorischen Passfotos. Wird Roger ähnlich ausgesehen haben wie unser Vater? Gibt es vielleicht doch noch versteckte Hinweise, die uns ein Detail verraten? Mich beschäftigt das Ganze sehr, das Paket ist bis jetzt schon eine Woche unterwegs und kam heute früh anscheinend in Frankfurt an.

Natürlich wird es Roger nicht zurück bringen und schon gar nicht uns den Menschen näher bringen. Aber in seinem Tod hat Roger uns ein kleines Stück Wissen vermacht, dafür sind wir sehr dankbar.

Mögest du in Frieden ruhen.


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