Von Belastungen und Proben
07.07.2024
Die Woche verging wie an Bord eines Düsenjets. Arbeitstechnisch war eine Menge los und ich startete vier Tage in Folge gegen acht Uhr, um der Flut an Aufgaben irgendwie Herr zu werden. Einige Themen erledigten sich in Wohlgefallen, andere bedürfen noch einer operativen Behandlung. Aber ich bin zuversichtlich, dass sich alles so regeln wird, dass das Geschehen wieder vor und nicht mehr hinter mir passiert und ich nicht mehr getrieben agieren muss. Ein Kunde meinte Freitag zu mir, ich sei ein echter Sympathieträger. Dieses Kompliment hallt noch in mir nach, vermutlich wird es das länger tun.
Diese Woche war die Erste seit Längerem, in der es keine krisenähnliche Situation gab. Im Gegenteil, es gibt Zeichen, dass es voran geht. Dieses Wochenende fand eine sogenannte “Belastungsprobe” statt, das klingt drastischer als es eigentlich ist - und es ging alles gut. Auch das war nur ein erster Schritt, es wird weiter Höhen und Tiefen geben. Aber es fühlt sich sowohl aus Sicht der Liebsten als auch aus meiner an als wäre das tiefe Tal durchschritten. Das alles nach knapp dreieinhalb Wochen sagen zu können ist ein tiefes Glück. Nun müssen wir alle miteinander die Geduld weiter aufrechterhalten.
Das Vereinigte Königreich hat sich mit der Wahl am Donnerstag vom Joch der inkompetenten Tories befreit und nach 14 Jahren wieder Labour in Regierungsverantwortung gewählt. Ich bin immer wieder fasziniert von diesen Eigenheiten des britischen Parlamentarismus und der Geschwindigkeit, wie schnell vom alten zum neuen Premier gewechselt wird. Das bedarf viel nicht gesehener Vorbereitung, die Konzepte müssen vorm möglichen Wahlerfolg stehen. Ob Sir Keir Starmer es schnell besser machen kann, vermag ich nicht zu sagen. Sicher ist, dass es viel zu tun gibt und das Land ähnlich wie damals nach der Ära Thatcher in großen Zügen saniert werden muss. Kurzum: Man wünscht viel Glück, das Schicksal tauschen ist jedoch undenkbar.
Weil das Abstammungsthema bei uns immer wieder angerissen wird und die Liebste dann äußert, dass ich doch prüfen solle, wie ich denn an einen britischen Pass käme (ich bin durch meinen Vater berechtigt), habe ich am Wochenende nachgesehen. Nun weiß ich, was mein Vater mit der Bemerkung meinte, dass Brite zu sein eine Menge Geld koste. 1.500€ kostet die Einbürgerung inklusive Sprach- und Wissenstests. Und ich kann mich noch dunkel erinnern, dass die Dokumente meines Vaters bei jeder Erneuerung auch einen ordentlichen Satz kosteten. Dagegen sind die Gebühren in Deutschland gering, ich möchte mich darüber nie wieder aufregen.
Ob ich das Thema Pass angehe? Ich vermag es nicht zu sagen - es gibt ein Stück Sehnsucht in mir, dass meine Wurzeln erkunden will, ihnen zugehörig sein möchte. Je älter ich werde, desto mehr nimmt dieser Gedanke Platz ein. Gleichzeitig ist aber hier alles, was ich bisher er- und gelebt habe. Wie bekomme ich das überein, wie verbinde ich Herkunft? Und wie stelle ich sicher, dass meine Erwartungen und Vorstellungen realistisch sind, sie nicht enttäuscht werden? Für mich ist dieser Teil Heimat bisher so weit weg von meiner Lebensrealität gewesen, dass es fast mythische Ausmaße hat. Aber wenn ich es nie erprobe - wie werde ich je erfahren, wie es sein wird?
Per E-Mail kommentieren | Übers Fediverse diskutieren