Leistungsschmerz
12.10.2026
Die Familie ist wichtiger als alles Andere. Die Gesundheit geht vor. Das Leben ist mehr als nur Arbeit. Diese Sätze hat sicher jede:r im Laufe des beruflichen Lebens oder in einem Engagement ehrenamtlicher Art öfter gehört. Oder im Sport. Die Anlässe sind unterschiedlich, die Botschaft aber immer die Gleiche: Der Mensch ist am Ende für sich allein verantwortlich und für das, was ihm wertvoll ist. Bevor solche Sätze fallen, geschieht aber oft eine Spirale aus Erwartungen, Enttäuschungen, Frust, Konfrontation und am Ende der Zusammenbruch als finaler Akt.
Wir verstehen einander nur noch als Maschinen, die exekutieren und dabei sämtlichen Druck mitigieren sollen. Die mit sämtlichen Widrigkeiten umzugehen und dabei trotzdem alle Beteiligten zu befrieden haben. Wir sind ja Professionals und unsere Werkzeuge sind das Pokerface und Erkenntnise aus Seminaren mit theorhetisch sehr wohlklingenden Bewältigungsmustern. Dass diese aber sofort in der ersten Realitätsprüfung als absolut vorbei an der Sache entlarvt werden, ist gleich. Das Ritual will gepflegt werden und so peitscht man die Vorgänge durch. Gleich ob sie gut, schlecht, vollkommen oder wertloser Nachklapp sind.
Unsere neue Religion heißt Leistung, sie definiert sich über viel Bla Bla und wenig Wirkung. Natürlich macht es sich gut, bei einem gezwungenen Smalltalk in der Teeküche über vierhundert noch offene Mails zu reden. Aber hat das für irgendjemanden einen Mehrwert? Unsere Großeltern haben in Führungsverantwortung viel weniger Zeit für Korrespondenz gehabt, weil Briefe tagelang unterwegs waren. In dieser Zeit haben sie agiert, entschieden und Konflikte miteinander besprochen. Oftmals haben sie diese auch gelöst. Es blieb aber mehr Zeit für das Wesentliche. Heute ersaufen wir in ToDos, hetzen uns durch das Meer an noch zu erledigenden Kleinigkeiten und nennen das Projektmangement.
Und wenn mal die Familie wichtiger ist? Oder die Gesundheit? Dann gibt es die gönnerhafte Phase des Wartens, bis dann wieder die Leistung mit totaler Selbstverständlichkeit erwartet wird. Wer funktioniert, wird hofiert. Wer es nicht kann, wird zum Diskussionsthema. Im Öffentlichen noch viel mehr, Bärbel Bas hat dies leidvoll erfahren. Sie zog nun die Konsequenz und zog sich als Co-Bundesvorsitzende der SPD und Bundesministerin für Arbeit und Soziales zurück. Auch, weil andere Menschen sich verbal nicht zügeln konnten. Weil es heute scheinbar viel einfacher ist, übereinander als miteinander zu reden.
Wem nützt es, dass wir so gehässig sind? Dass wir verlernen, menschlich zu sein? Erwarten wir selbst nicht, dass mit uns in einer Krise (die jede:n jederzeit ereilen kann) verständnisvoll umgegangen wird? Hoffen wir nicht auf Trost und Unterstützung? Oder ist uns das alles egal, weil wir ja in dem Moment nicht betroffen sind?
Das Leben ist mehr als nur Leistung.